534/KW 32

Gendern leicht gemacht

Nun also auch bei uns zuhause. Traudl gendert. Ich hatte es nicht gleich bemerkt, da ich Traudl ab und an nur mit einem Ohr zuhöre. Grundsätzlich halte ich es für richtig, wichtig und längst überfällig, alle Geschlechter in die Sprache einzubeziehen. Es ist weit mehr als eine Formalität. Jedoch haftet allem Neuen eine gewisse hölzerne Ungelenkigkeit an. Dem aufmerksamen Zuhörer entgeht nicht, dass beim Gendern die Sprache ins Stolpern gerät. Wahrlich ein ganz und gar neues Hörerlebnis, das zumindest bei mir diejenigen Gehirnregionen anregt, die für Komik und Heiterkeit zuständig sind. Bevor mir Traudls Vorstoß ins Reich der geschlechterübergreifenden Kommunikation auffiel, hörte ich im Radio eine Sendung über Studierende, in der von Student_innen die Rede war. Der Unterstrich wurde dabei durch eine kaum wahrnehmbare Unterbrechung gesprochen. Mir kam der Begriff Gender-Stolperer in den Sinn, da der Redefluss über eine Sprechschwelle hüpfen muss und dabei stolpert: „Student_innen.“ Zudem fiel mir auf, dass die Sprecher_in die letzten drei Buchstaben von Student betonte, vermutlich um den Stolperer zu vermeiden, was jedoch nur wenigen Sprecher_innen gelingt. Es hörte sich an, als nähme die Sprecher_in Anlauf, um die Gender-Schwelle zu überspringen. Wie nun eingangs erwähnt, ist es mir schließlich dann doch aufgefallen, dass Traudl gendert. Aufmerksame Leser dieser Glosse wissen: Wenn Traudl Neuland entdeckt bzw. erobert, dann wird das Feld von Grund auf umgepflügt. „Bei alle Marktbeschicker_inne gibt’s jetzt günstige Tomat_inne“, klärte mich Traudl auf. Beim dahingestolperten Nachtschattengewächs war es dann überdeutlich zu hören: Traudl gendert den Unterstrich über Gebühr und legt einen sensationellen Sprach-Stolperer hin. Aller Anfang ist eben schwer. Gendern gelingt nicht auf Anhieb und es braucht ein wenig Geduld, bis sich Routine, ja Perfektion einstellt. Scheuen Sie sich jedoch nicht, liebe Leser, gendern Sie ebenfalls. Es kann gelingen. Trauen Sie sich. Beim Schreiben mit Binnen-I, Sternchen oder Unterstrich. Beim Sprechen mit eleganter Gender-Pirouette. Oder machen Sie es wie ich, sprechen Sie beide Geschlechter aus. „Bei allen Marktbeschickern und Marktbeschickerinnen gibt es jetzt günstige Tomaten und Tomatinnen.“

BadischWildWest

733/KW 33

Invasive Unart

Der ganze Heckmeck begann damit, dass Traudl vergangene Woche die Berichterstattung über die Kalifornische Kettennatter gelesen haben musste. Jener invasiven Art, die sich im Südwesten durchs Gebüsch schlängelt und so manche Wandersfrau nebst Wandersmann erschreckt. Angefangen hatte es jedoch mit Traudls Zwetschgenkompott, das auf dem Herd köchelte und das sie kurz aus den Augen ließ, um den Briefträger hereinzulassen, der ein Paket für Schorschi brachte. Währenddessen hatten sich die Zwetschgen selbständig gemacht, hopsten aus dem Topf und setzten sich auf der Herdplatte fest. Sie kennen das. Traudl also recht genervt, als ich in die Küche komme und unwirsch den süßlichen Brandgeruch kritisiere. Und in diesem hoch emotionalen Moment kommt nun die Kalifornische Kettennatter ins Spiel. „Zum Donnerwetter! Kannsch du net in Deinem angestammte Lebensraum, deinem Büro-Biotop bleibe. Musch du unbedingt in meine ureigene Küche-Biosphäre eindringe.“ Was folgte war Traudls Kurzreferat über den jeweiligen Platz, den unser Herrgott jedem Tier und jeder Pflanze zugewiesen habe. Und nicht zuletzt den Menschen. Die Kettennatter in Kalifornien, die Nilgans am Nil und der Bürobewohner im Büro und nicht in der Küche. Prinzipiell musste ich meiner Frau Recht geben, obwohl ich es etwas an den Haaren herbeigezogen empfand, mich mit Nilgänsen oder Natterngezücht zu vergleichen. Lange ging mir dieses Erlebnis nach und ich kam zu dem Schluss, dass man den Begriff der invasiven Art nicht nur auf Flora und Fauna beziehen sollte, sondern ebenso auf den Menschen, der letztendlich die Art ist, die den größten Schaden anrichtet, indem sie in immer neue Lebensräume vordringt. Was hat der Russe in der Ukraine verloren, der Chinese in Taiwan. Und wie uns die Geschichte lehrt, was hatte die ganze Welt am Deutschen Wesen zu genesen. Was ist der Schaden einer Nilgans in Baden im Vergleich zum Schaden, den wir Menschen in der Natur verursachen? Schlussendlich sehe ich mich als eine im Lebensraum Büro heimische Art. Und ich habe mir vorgenommen, nur in andere Lebensräume einzudringen, wenn es mir gelingt, mich vom Schädling zum Nützling zu wandeln. Nun denn, liebe Leser. Wechseln Sie ab und an Ihren Lebensraum. Passen Sie sich den ökologischen Gegebenheiten Ihrer Umwelt an, damit wir auch weiterhin Vielfalt statt in Einfalt haben. Mit diesem Gedanken begab ich mich in die Küche, um die karamellisierten Zwetschgen vom Herd zu kratzen.

WortakroBadisch

Aus dem Tagebuch des Homo Badensis
„Bei Jörg Kräuter handelt es sich um einen wortakrobatischen Autor – nein eigentlich eher um einen wortakroBadischen, weil seine kabarettistisch geschulte Zunge im Murgtal die Reife erhielt, einer Gegend, die gerade noch des abgemilderten Alemannischen Idioms huldigt.  ….“

Katz Verlag

PsychoBadisch

Mit dem König von Baden durchs Jahr
Mit spitzer Feder gibt Jörg Kräuter Antworten auf die drängenden Fragen, was den Badener ausmacht. Es sind kabarettistische Improvisationen über seine Landsleute zwischen Rebensaft und Bollenhut. Kräuter eröffnet eine poetisch-burleske Seelenschau, eine hinter- und vordersinnige Reise in die Gehirnschalen von Menschen seiner Heimat.

silberburg.de