Die Wochenkolumne KW 48
Acher-und Bühler Bote/Badisches Tagblatt

Lüsterne Digitalspeisen

Advent! Schon scheppern die Backbleche, die Kasserollen grollen und die Kochlöffel tanzen. Die Koch- und Backbücher werden hervorgeholt, denn Weihnachtszeit ist Schlemmerzeit. Die verlockenden Hochglanzfotos lassen das Mundwasser überlaufen. Meine Erinnerungen an „Essen auf Bildern“ stammen aus Italien der 60er, 70er Jahre. Wir waren mit den Eltern beim Campingurlaub und staunten über die farbenprächtigen Fotografien, die vor der Pizzeria ausgehängt waren. Auch heute sehe ich in Bühl großformatige, grellbunte Ablichtungen mediterraner Speisen. Beim Betrachten kommt mir der Gedanke, es muss dem Fotografen eine Kosmetikerin und ein Kunsterzieher zur Assistenz beigestanden haben. Für die hungrige Kundschaft heißt die Botschaft: „Hier sehen Sie unsere farbenfrohen Spezialitäten, die genauso schmecken wie sie aussehen.“ Dass die Realität diese Botschaft Lügen straft ist selbstredend, bzw. selbstschmeckend. Eine ganz andere, jedoch nicht weniger bemerkenswerte Zeiterscheinung habe ich auf Traudls Smartphone entdeckt. Meine Frau steht in regem Funkkontakt mit ihren Freundinnen, und am Wochenende geht’s auf ihrem Display zu wie auf einer Gourmet-Messe. Ständig treffen neue, hoch auflösende Prachtspeisen aus Edel-Locations ein, bild- wie kalorienschwangere Tellergerichte, garniert wie die monströsen Damenhüte auf der Iffezheimer Pferderennbahn. Wie alles im digitalen Zeitalter hat diese im Minutentakt eingehende Essensübermittlung auch schon ihren Namen: „Food-Porn“, also käufliches Essen. Diese lüsternen Digitalspeisen aus dem kulinarischen Rotlichtmilieu werden von den zahlreichen Freundinnen meiner Frau gepostet, deren Botschaft mich an die hiesigen Imbissläden erinnert: „Hier sehen Sie unsere farbenfrohen Spezialitäten, die genauso schmecken wie sie aussehen.“ Wer mit intelligenten Geschmacksnerven gesegnet ist, kann diese Umwandlung von optischer zu geschmacklicher Wahrnehmung leisten. Ich leider nicht. Unter einem der Bilder stand zu lesen: „De Hubert un ich hocke grad im „Les Plesier Gourmants“ in Schiltigheim. Sensationelle Küch.“ Traudl hält mir das Display hin und sagt: „Schatz, do könntsch doch mit mir hingeh. Oder du koschsch mir des, aber genau wies abgebildet isch.“ Ich entscheide mich für Letzteres: „Aber gern. Lang mir mol die Reb-Scher, ich kümmer mich erst mol um die Deko für den Digital-Salat!“

WortakroBadisch

Aus dem Tagebuch des Homo Badensis
„Bei Jörg Kräuter handelt es sich um einen wortakrobatischen Autor – nein eigentlich eher um einen wortakroBadischen, weil seine kabarettistisch geschulte Zunge im Murgtal die Reife erhielt, einer Gegend, die gerade noch des abgemilderten Alemannischen Idioms huldigt.  ….“

Katz Verlag

PsychoBadisch

Mit dem König von Baden durchs Jahr
Mit spitzer Feder gibt Jörg Kräuter Antworten auf die drängenden Fragen, was den Badener ausmacht. Es sind kabarettistische Improvisationen über seine Landsleute zwischen Rebensaft und Bollenhut. Kräuter eröffnet eine poetisch-burleske Seelenschau, eine hinter- und vordersinnige Reise in die Gehirnschalen von Menschen seiner Heimat.

silberburg.de